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Pilgern unter einem Hut - Unterwegs mit Sandra

Bayerisch Schwäbischer Jakobsweg 

Etappe 3:  Harburg - Donauwörth  18,3 Kilometer

Angriff der Waldbiester

Wetterlage: Es wird heißer

 Tagebucheintrag

Mittwoch 08.07.20 Tag 3

Wenn der heutige Tag geschafft ist, ist schon Halbzeit. Für heute  fühle ich mich gut gewappnet.

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Mit diesem aufmunternden Gedanken verlasse ich den historischen Stadtkern gen Osten über die Brücke. Schnell mache ich noch ein paar Fotos von der sachte dahinfließenden Wörnitz und dem Burgpanorama in der Morgensonne.

13,6 km liegen heute vor mir laut Wanderbüchlein. Das klingt nach einem Spaziergang verglichen mit gestern. Mindestens die Hälfte der Strecke führt durch ein großes Waldgebiet. Also, ganz angenehme Aussichten bei erwarteten 27-29 Grad. 

Leider ist die weitere Ausschilderung aus Harburg heraus für mich nicht ganz so offensichtlich und ich muss mich konzentrieren keine Abzweigungen zu verpassen. Dank meiner vertrauensvollen Zusammenarbeit mit Komoot klappt es schließlich.

Pilgernde Poetin unterwegs

Danach geht es in den Wald. Es ist relativ schwül, ich gehe ganz ordentliches Tempo, deshalb schwitze ich schon wieder. Ich weiß nicht, ob das der alleinige Grund ist oder nur ein zusätzlicher Anreiz, jedenfalls lassen mich seit Waldbeginn so kleine Viecher, ich habe sie Gewitterfliegen getauft, nicht aus den Augen.

Sie bleiben im Wald meine ständigen Begleiter und umschwärmen mich in einer kleinen, kopfnahen Wolke, hüpfen im Takt zu meinen federnden Bewegungen für etwa 50 Meter in ihrem Revier, bis ich von der nächsten Nachbarschaft übernommen werde. Ich presse die Lippen fest zusammen, aber durch die Nase sauge ich bald die erste Fliege ein. Widerlich. Im Wald ist es zwar nicht so sonnig, genaugenommen gar nicht, aber trotzdem krame ich schnell nach meiner Sonnenbrille zum Schutz der Augen. Aber die Maskerade gefällt wohl mehr, als dass sie abschreckt. Die Plagegeister zeigen sich dankbar für diese Rastmöglichkeit und lassen sich gechillt auf meiner Brille nieder.​ 

"Gehen wie Puck die Pilgerfliege ohne Flügel, mit Minifliegen auf dem Brillenbügel."​ Warum fallen mir ausgerechnet jetzt blöde Reime ein? Nein, kein schmeichelhafter Vergleich. Nächster Versuch:"Wie ein Wildpferd ohne Schweif, für die Flucht nun bin ich reif.​" 

Also weiter im Galopp. Ab und zu fuchtele ich mit den Händen genervt vorm Gesicht rum, was rein gar nichts bewirkt, außer mich natürlich aus dem Laufrhythmus zu bringen, denn ich gehe ja mit Wanderstöcken. So schnaube ich eine Weile wie ein verschnupftes Wildpferd (Lippen sind nach wie vor geschlossen) vor mich hin.

Durch die hohe Luftfeuchtigkeit, empfinde ich meinen heutigen "Spaziergang" noch anstrengender, als den Gestrigen. 

Schilderlesen für Hochbegabte

 

Gut sichtbar an einem Baum platziert, hängt an der nächsten Weggabelung ein richtungsweisendes Schild, das ich auch nach mehrfachen Leseversuchen nicht richtig deuten kann.

Ich habe die Qual der Wahl, geradeaus oder rechts abbiegen. Mein Zielort Donauwörth ist geradeaus angegeben. Meine App sagt auch geradeaus. Zwei zu Null, denn mein inneres Navigationssystem ist gerade abgeschaltet.

Also gehe ich geradeaus weiter, da komme ich auf jeden Fall zum Ziel. Erst ein Weilchen später am nächsten Schild schwant mir, dass ich nicht direkt über Los gehen werde, sondern die Gefängniskarte gezogen habe und einen unnötigen fünf Kilometer Umweg über Kaisheim machen werde. 

Zu den Fliegen haben sich mittlerweile auch noch blutdurstige Mücken gesellt, die über mich herfallen, sobald ich stehen bleibe.​ Also schnaube ich weiter und sprinte so gut es eben geht durch den Wald, der naturgemäß in solchen Situationen unendlich lang wirkt. Für mutige Wanderer haben die Verantwortlichen sogar ein paar Bänke im Verlauf des Weges aufgestellt, aber eine Rast macht jetzt wirklich überhaupt keinen Sinn. Dabei hätte ich so dringend eine gebraucht. Ich habe großen Durst. Meine Trinkblase ist schon lange leer und ich hätte gerne aus meiner Reserveflasche in der Seitentasche getrunken, dafür müsste ich allerdings anhalten und den Rucksack absetzen. Und dazu drückt plötzlich auch noch meine intern vollgelaufene Blase! Aber jetzt die Hose runterziehen? Von dieser kleinen Schwäche meinerseits träumten doch meine klitzekleinen Begleiter nur und ich sah sie in Gedanken schon vor Vorfreude ihre Mundwerkzeuge wetzen. Nein! Keine Chance.

Dem Wald entkommen!

Jedes Grauen nimmt mal ein Ende und irgendwann stehe ich am Waldrand neben einer asphaltierten kleinen Straßenkreuzung. Kein Mensch, kein Auto unterwegs und plötzlich freie Sicht durch die Sonnenbrille. Meine Verfolger haben am Waldrand aufgegeben und sich in Lauerstellung gebracht, um sich dort mit Kriegsgeheul auf ihr nächstes Opfer stürzen zu können, was aber noch Tage dauern könnte.

Keine Ahnung, was in diesem Wald los war.​ Ich werfe den Rucksack ab, nehme Trinkflasche, Banane und Müsliriegel raus und setze mich dann erschöpft auf das Gepäckstück. Bequem ist anders, aber das ist alles, was es gibt. Um mich herum Wiese und Acker und hinter mir Wald. So tanke ich wieder etwas Kraft. Nach einer halben Stunde Pause mache ich mich mutterseelenallein wieder auf dem Weg und erreiche wie eine langsame Dampflokomotive außerplanmäßig Kaisheim, auf das ich nach wie vor gerne verzichtet hätte.

Bären, Jäger und Pflastersammler 

Direkt an der Hauptstraße liegt die Bärenapotheke. Es ist um die Mittagszeit, die Sonne knallt auf den Asphalt, ich krame meine Maske raus und gehe rein, um eine Packung Heftpflaster für die Wunde an meinem linken Arm zu erstehen. Natürlich hat sich durch kontinuierliche Reibung und Schweiß, das am Morgen frisch angebrachte Pflaster wieder verabschiedet. Es hängt nur noch an einem Fetzen herunter. Die offene Wunde bereitet mir, zu allen anderen Sorgenstellen im Körper, zusätzliche Schmerzen.

Vor der Apotheke gibt es eine Bank, die ich zum direkten Notfalleinsatz belege. Während ich vor mich hin schneide und sortiere, hält ein Pickup in der Einfahrt neben mir. Ein Jäger steigt aus. Klar. Naheliegend. Er will in die Bärenapotheke.

Wir kommen ins Gespräch. Er erkundigt sich nach meinen Beweggründen zu pilgern und ich freue mich erneut einen sympathischen Gesprächspartner gefunden zu haben. Schließlich erläutert er mir den Weg  in Richtung Donauwörth. Was, um das Gefängnis herum? Hier gibt es wirklich ein Gefängnis?

Das passt ja wie Faust auf‘s Auge zu meinem bisherigen Monopolytagesverlauf.

Hinter Kaisheim wird es wieder menschenleer. Den dritten Tag in Folge. Einmal sehe ich in weiter Ferne vor mir zwei Gestalten. Aber von einer Kurve werden sie sofort verschluckt und tauchen auch nie wieder auf.

Mit schmerzenden Füßen schleppe ich mich an den Stadtrand von Donauwörth, wo mixh die Zivilisation schnell wieder eingeholt. Die finalen drei Kilometer durch Vororte ins Stadtzentrum sind für mich qualvoll. Mit letzten  Reserven, hochrotem Kopf und extrem verschwitzt steh ich gegen halb vier vor meinem heutigen Quartier. Mein teuer erstandenes Pflaster hängt nach nur wenigen Stunden schon wieder lustlos vom Arm herunter.

Unterwegs in Donauwörth

Nach dem Einchecken im „Goldenen Hirsch“ nehme ich erstmal eine kalte Dusche, creme meine Füße ein und entspanne mich eine halbe Stunde auf dem Bett. Dann rappele ich meine müden Knochen nochmal zusammen und stapfe zur Touristeninformation, die in Donauwörth glücklicherweise etwas länger geöffnet hat als in Harburg.

Dort bekomme ich nicht nur meinen Stempel, sondern auch die beruhigende Information, dass tatsächlich zwei, drei andere Pilger in den letzten Tagen vorbeigekommen seien.

Der Mitarbeiter wirkt ehrlich erfreut, endlich wieder den Stempel schwingen zu dürfen – und überhaupt wieder Pilger zu sehen.

Donauwörth ist ein schönes, sehenswertes Städtchen, das zudem in diesem Sommer sicher weniger überlaufen ist als sonst. Ich bedauere einmal mehr meine ärmliche körperliche Konstitution, die mich daran hindert noch weitere Erkundungen zu machen. Wie gerufen kommt da ein Eiscafé, das mich durch schieres Vorhandensein auf meinem Rückweg zum „Hirschen“ zu einem kurzen  Aufenthalt nötigt. Wieder bin ich der einzige Gast. Sitze bei idealen Bedingungen ganz alleine draußen. Die beiden italienischen Betreiberinnen der Eisdiele tun mir ein wenig leid. Ein schwarzer Tee, ein kleines Eis, ein gutes Trinkgeld. Mehr kann ich nicht tun.

Langsam entspannen sich meine Beinmuskeln wieder, während meine Kopfmuskeln erneut sehr angetan sind von meiner heutigen Leistung.

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Noch eine Anmerkung am rechten Rand:

Nein, in diesem Falle hat sich der eingeschlagene Umweg im Nachhinein nicht als die bessere Entscheidung heraus gestellt. 

Und von wegen Spaziergang! Ein Horrortag ganz ohne Spaßfaktor!

Aber man wächst mit seinen Herausforderungen.

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