
Pilgern unter einem Hut - Unterwegs mit Sandra
Bayerisch Schwäbischer Jakobsweg
Etappe 8: Von Göggingen nach Reinhartshofen - 17,6 km


Sonntag, 27.06.2021
Nach fast exakt einem Jahr Pause ist es nun wieder soweit. Ich nehme es erneut auf mit dem Bayerisch – Schwäbischen Pilgerweg: in Göggingen bei Augsburg.
Gute 120 Kilometer, sechs Tage und Nächte, liegen zwischen mir und meinem diesmalig angepeilten Zielort, dem hübschen Städtchen Altusried im Unterallgäu.

Yippieh! - On the road again
Endlich. Eigentlich hätte ich viel früher losgewollt, aber fünf meiner sechs Etappen führen mich durch den Landkreis Unterallgäu, der mir bis vor Kurzem mit seinem in Deutschland zweithöchsten Inzidenzwerten echt Sorgen bereitet hatte. Alle anderen Kreise in Bayern waren schon lange stabil unter 100 und damit einhergehend die touristischen Übernachtungen wieder erlaubt und die Gastronomie geöffnet. Nur halt nicht mein Unterallgäu! Dort hat das Gaststättengewerbe nun erst wieder seit zwei Wochen geöffnet.
Start an der Wertach bei der Pilgertafel
Ich stehe an der Wertach, die in Augsburg in den Lech mündet, genau vor der Tafel an der ich einst meine vier ersten Pilgersteine drapiert hatte in der Hoffnung, dass sie sich von hier auf eine weite Pilgerreise begeben würden.
In der kleinen Hüftgurttasche meines Rucksackes trage ich auch dieses Mal sechs bemalte Steine bei mir. Ich habe mir vorgenommen jeden Tag an einen prädestinierten Ort einen Stein abzulegen für nachfolgende Pilger oder Wanderer, die sie hoffentlich finden, mitnehmen und mir davon berichten.

Ich nehme den Ostweg
In Göggingen trennt sich der Jakobsweg in Ost- und Westroute, um sich in Bad Grönenbach wieder zu treffen. Die Richtung ist für mich klar, ich möchte den Ostweg nehmen, gehe Richtung Bobingen.
Die Luft ist angenehm, der Himmel blau, die Sonne scheint, die Vögel zwitschern wie wild. Es verspricht ein heißer Sommertag zu werden.

Entlang der Wertach
Es geht heute fast die Hälfte der Strecke an der Wertach entlang. Keine Höhenmeter. Sozusagen eine Wiedereinsteigeretappe. Wie gemacht für mich. Die Route beginnt schön, der zwischen aufgeschütteten Kiesbänken renaturierte Fluss fließt sanft dahin, beidseitig von Bäumen gesäumt. Ich merke allerdings schon nach der ersten halben Stunde, dass ich mich erstmal wieder an das Gewicht des Rucksackes gewöhnen muss. Und natürlich sitzt der auch noch nicht so, wie er sollte. Schlecht gepackt. Ich ziehe und schiebe hier und da an ein paar Riemen, versuche die Schultern durch Verlagern des Rucksackes zu entlasten, aber so richtig zufrieden macht mich das Ergebnis nicht.
Ameisen im Kopf
Auf dem ersten Abschnitt begegnen mir eine Menge JoggerInnen, die ihre sonntägliche Fitness vor den warmen Stunden absolvieren wollen. Sie grüßen freundlich und gutgelaunt, während ich sie mich überholen.
In meinem Kopf geht es wieder zu wie in einem Ameisenhaufen. Gedanken wimmeln munter hin und her: Wann hatte ich eigentlich das erste Mal den Wunsch verspürte, den Camino Francés zu gehen?
Es ärgert mich, dass ich nicht sofort die Antwort dazu parat habe, aber dann fällt es mir wieder ein:
Es war an einem Sonntag vor Jahren in Köln gewesen. In der Innenstadt, im Studio Dumont, habe ich einen Vortrag „Abenteuer Jakobsweg, 800 km zu Fuß auf dem Jakobsweg“ besucht. Den Namen des Vortragenden habe ich nicht mehr präsent, aber er schafft es mit seinen Bildern, dass mich das Unterfangen Jakobsweg ab da fasziniert. Es muss ungefähr 8 – 9 Jahre her sein. Im Angesicht von zwei kleinen Kindern, Arbeit , Haus und den täglichen Herausforderungen verblasste die Idee aufzubrechen allerdings schnell wieder. Das nächste Mal konfrontierte mich der Gedanke, als mein Chef mir im Büro offenbarte sich auf den Weg gen Compostela zu machen. Eines Tages kehrte Jürgen stolz mit der Compostela-Urkunde zurück und hängte sie sich an seine Wand. Mir hatte er eine Jakobsmuschel mitgebracht, was mich wirklich freute. Sie war ein Zeichen für mich, ein Wink mit dem Zaunpfahl. Auch sie blieb erstmal im Büro, lag dort jahrelang sichtbar für mich. 2015 macht sie einen Ortswechsel mit, und verschwand dabei für ein paar Jahre in einer Schublade, bis sie im letzten Jahr erstmalig an meinem Rucksack baumeln konnte.
Ich bin gespannt, was mich alles erwartet in den kommenden Tagen. Besonders, welche Begegnungen ich haben werde, aber auch was mein Kopf mir so alles an "Futter" anbieten wird. Ich persönlich hätte ja nichts dagegen, auch ganz "leer" zu gehen, aber das ist ja nicht so einfach, wie man sich das so vorstellt. Abschalten. Klick. Knopf aus, Kopf aus. Ich beneide die Leute, die im Laufe ihres Lebens diese Fähigkeit erworben haben. Ich gehöre noch nicht dazu.



Bobinger Stausee
Zum ersten Mal bleibe ich am Zugang des Bobinger Stausees nach ungefähr 8 km stehen. Die Schrift auf den Jakobswegweisern dort ist leider etwas verblasst. Ich steige ich die Stufen zum Wasserstauwerk hoch und überquere den Damm. Toller Blick von hier oben: Das Wasser tiefblau im Kontrast zum Himmel, der wie mit Aquarellfarben gemalt ist. Zeit für eine Pause. Ich suche mir eine Bank am Ufer aus, esse ein Häppchen, creme mich ein. Nachdem auf einem Parallelweg eine Pferdekutsche an mir vorbeigefahren ist, zuckele auch ich wieder los.
Kurz hinter Bobingen verlässt der Weg die Wertach und führt endlich in den schattigen Wald. Ein älterer Mann, der mich von hinten auf dem Fahrrad überholt, erkennt meine Muschel und ruft mir zu: „ Sie haben aber noch einen weiten Weg vor sich.“ Wahrscheinlich denkt er, dass ich bis Compostela durchlaufen will, aber ich rufe hinterher: "Bis kurz vor Lindau ist doch gar nicht so weit!"

Ich laufe weiter und treffe bald auf ein Schild im Wald, dass mein Tagesziel, das Gasthaus „Grüner Baum“ ankündigt. Innerlich jubele ich, aber wie bereits mehrfach erfahren, können sich zwei Kilometer, besonders wenn es die letzten des Tages sind, und wenn sie, zumindest teilweise, durch pralle Sonne führen, ganz schön ziehen. Also ich ziemlich erhitzt in Reinhartshofen im Gasthaus ankomme, bin ich mir sicher, dass da jemand bei der Kilometerangabe auf dem Schild geschummelt hat...
Im grünen Baum
Vor dem Haus bittet mich die männliche Bedienung direkt in den kühlen Innenraum. Anscheinend mache ich wieder einen bemitleidenswerten, fertigen Eindruck. Das Gefühl den Rucksack für den Tag abzustreifen ist großartig. Man fühlt sich sofort so leicht und beschwingt.
Ich lasse mich auf eine Sitzbank fallen und bekomme schnell ein kaltes Getränk meiner Wahl. Die Wirtsfrau erklärt mir, dass ich doch bei diesem Wetter den Weiher, nur 500 Meter entfernt, testen soll, der sei sehr schön. Ihr schwäbischer Dialekt klingt fast wie elbisch für mich. Ich muss ganz schön die Ohren spitzen, um sie zu verstehen. Aber ich winke ab. Ich fühle mich an meine Hitzestrapazen beim Pilgern im vergangenen Jahr erinnert und mir ist gerade jeder Extrameter ein Meter zu viel.
Nach einer Viertelstunde in der kühlen Stube kehren meine Lebensgeister jedoch wieder zurück und ich bekomme mein Zimmer gezeigt. Sogar mit Balkon und Blick auf den Kirchturm, der einen Steinwurf entfernt steht.
Nach einer erfrischenden Dusche besuche ich die Kirche St. Jakobus, finde dort einen Stempel und sogar ein Pilgerbuch. Mein erstes Pilgerbuch auf dem Bayerisch Schwäbischen Jakobsweg. Der letzte Eintrag ist über drei Wochen her. Mir wird klar, dass es ziemlich unwahrscheinlich ist, in den kommenden Tage weitere Pilger auf meiner Strecke zu treffen. Von der Wirtin weiß ich schon, dass ich heute die einzige Pilgerin in der einzigen pilgerfreundlichen Unterkunft im Ort bin. Vor mir läuft anscheinend niemand, mit mir läuft anscheinend niemand und falls hinter mir Betrieb wäre, würde es ohne Rasttag schwer werden zu mir aufzuschließen. Schade. Ich hatte gehofft, dass zumindest dieses Jahr im Sommer wieder mehr Leute unterwegs sein würden.
Ich entscheide mich den ersten Pilgerstein beim ersten Pilgerbuch zurückzulassen. Für den nächsten Pilger. Wann immer er oder sie auch vorbeikommen mag.


Merke: Wenn du nicht mit den Hähnen aufstehen willst, nehme in kleinen bayerischen Orten nie das Zimmer neben dem Kirchturm
Um sechs Uhr am nächsten Morgen läuten die Glocken Sturm,an Schlaf ist jetzt nicht mehr zu denken. Nicht, dass ich bis 10 Uhr hätte schlafen wollen, aber 6 Uhr ist doch ein bisschen arg früh. Finde ich. Mein Wecker wäre kurz nach 7 angegangen.
Die freundliche Wirtsfrau bereitet mir für 8 Uhr ein leckeres Frühstück im Biergarten zu. Es ist schon angenehm warm. Während ich meine Semmel kaue, muss ich nochmal den gestrigen Abend Revue passieren lassen.
Ein illustres Völkchen hatte sich um mehrere Biergarnituren eingefunden und den warmen Sonntag im Gasthaus ausklingen lassen. Zum Essen hatte ich mich dazugesellt. Zu meiner Linken saß eine Gruppe bestehend aus zwei älteren Pärchen in Tracht, samt Hund, die leider die gesamte Gästeschar an ihrer auf dem Handy abgespielten Volksmusik teilhaben ließen. Dazu pfiff der Handybesitzer laut und falsch und wippte mit den Beinen im Takt gegen den Tisch, dass die Getränke darauf nur so zitterten.
Zu meiner rechten saßen bierselig die einheimischen Junggesellen und glotzten mich, mit unverhohlener Neugier an. Wahrscheinlich war in dieser dörflichen Umgebung eine Frau allein am Tisch was Besonderes. Auf eine alkoholisierte, aufdringliche Herrenbekanntschaft hatte ich jedoch definitiv keine Lust. Ich zog mein Tagebuch hervor, ignorierte die Herrschaften und ging dem so aus dem Wege.
Einer am Tisch schwadronierte nicht sehr qualifiziert und leider viel zu laut über die laufende EM in feinstem Schwäbisch: „De däpperte Italjänä, die mog i a glei gar net“. Ich mag Fußballschauen. Besonders bei Großereignissen. Später auf meinem Zimmer versuchte ich verzweifelt das Spiel, über das gelästert wurde, anzusehen. Erfolglos. Meine Augen verloren einen aussichtslosen Kampf. Ich schlief nach circa 10 Minuten ein.
Meine Gastgeberin findet sogar Zeit sich zu mir zu setzen und zu ratschen. Sie erzählt sehr offen aus ihrem Leben und den schweren Coronazeiten für den Gasthof. Das ist es, was Pilgern auch in Deutschland ausmacht. Die kleinen Momente und Begegnungen.
Infos zu Etappe 8:

Meine pilgerfreundliche Übernachtung:
Gasthof Grüner Baum
Fam. Donderer, Weihertalstr. 6
86845 Großaitingen, OT Reinhartshofen
Die gpx tracks für den Bayerisch/Schwäbischen findet ihr hier:
https://www.pilgern-schwaben.de/augsburg-bad-woerishofen-bad-groenenbach/
.png)